Im Westen viel Neues

Der November war ein furchtbarer Monat. Seit der Präsidentschaftswahl am 8. November steht die Welt hier Kopf, vor allem hier in Berkeley oder Oakland, wo der Donald nur etwa 3.1 % resp. 5.6% der Stimmen bekommen hat. Für die Leute hier in Berkeley sind es immer noch 3000 Leute zu viel.

Im ersten Moment nach der Wahl waren viele Menschen hier vollkommen aufgelöst. Einige haben geweint, noch Tage danach, gestandene Leute, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Eine deutsche Mom, die seit dreissig Jahren in den USA lebt, sagte an einem Parent Meeting der High School, dass sie sich deutsche Pässe besorgt habe nach der Wahl. Sie hätten zwar beschlossen, hier zu bleiben, aber man wisse ja nie. Nach dreissig Jahren nach Deutschland zurückzukehren mit den schon fast erwachsenen Kindern, die noch nie in Deutschland lebten, wäre sicher auch nicht ganz einfach. Und eine andere Mom, die zudem Prorektorin der Schule ist, erzählte, ihr Fünfjähriger erwache nachts und frage, ob die Mauer nun gebaut würde. Sie ist mit einem Mexikaner verheiratet und hat drei kleine Jungs zwischen 5 und 10 Jahren. Eine Mom mit indischem Hintergrund beschriebt, wie ihre Tochter am Tag danach reagierte. Ihre Tochter ist eine sechzehnjährige Studentin an der High School. Sie fragte ihre Mutter, was sie am Tag danach wohl antreffen werde auf der Strasse, als colored woman in Trumpland. Ich kann mir nur vorstellen, wie sich andersgläubige und nicht-weisse Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche im Moment fühlen müssen mit so einer Regierung, in der Leute sitzen, die sich nicht vom KKK distanzieren, die sich nicht für sexistische und rassistische Äusserungen entschuldigen, die glücklich zu sein scheinen, dass man das alles nun endlich wieder sagen darf… Und das Unfassbare ist, dass mehr als 50% der weissen Frauen, die gewählt haben, ihre Stimme Trump gaben. Für mich waren es jene konservativen Frauen, die ein angepasstes Leben an der Seite ihrer Männer führten, die deren traditionelles Familienbild teilten und in der Nebenrolle lebten, zu Hause blieben bei den Kindern, nach der Familienphase keinen Job bekamen oder es gar nicht erst versuchten, die Trump zum Sieg verhalfen. Diese weissen Frauen, teilweise reich, teilweise aber auch arm oder an der Armutsgrenze, konnten ihr eigenes Leben offenbar doch nicht in Frage stellen. Sie mussten das Alte bewahren, um nicht etwa am eigenen Leben und an ihrem Lebensstil zweifeln zu müssen.

In dieser  Woche nach der Wahl schienen hier alle in einer Art Vakuum zu schweben, verunsichert und destabilisiert. Man kann sich nur vorstellen, wie es sich für nicht-Weisse oder Nicht-Christen im Moment anfühlt. Das unbelievable but true-Gefühl, im negativen Sinn, brachte eine regelrechte Lähmung. Man las tagelang die News und konnte es nicht fassen, was gerade passiert. Eine Woche nach der Wahl sagte eine Kollegin zu mir, sie habe die ganze Woche nichts richtig zustande gebracht. Genau so ging es mir auch. Die Wahl des Donalds hat die Dinge nicht einfacher oder besser gemacht. Es hat es mir nicht leichter gemacht, hier bleiben zu wollen. Und so geht es mir nun jeden Tag.

Die New York Times berichtet täglich aus dem Trump Tower, die Bilder führen mir vor Augen, dass das alles einfach nichts mit mir zu tun hat. Das alles ist mir fremd. Und doch: Ich lebe jetzt in dieser Welt, in der Trump tatsächlich Präsident eines der mächtigsten Länder unseres Planeten ist. Die Menschen, die nun täglich als mögliche Kabinettsmitglieder gehandelt werden, oder die bereits bestätigt sind, bringen auch keine Erleichterung. Im Gegenteil: Es sind Ex-Generäle, die wegen ihrer harten Linie selbst in der Armee umstritten waren. Es sind Neoliberalisten, die alle sozialen Einrichtungen einreissen wollen, die Mindestlöhne von 15$ in der Stunde (oder noch weniger, je nach Staat) wieder abschaffen wollen, weil es geschäftsschädigend sei; alles Millionäre, die das Business an erster Stelle sehen und ihre Millionen an privatem Vermögen als ihre Daseinsberechtigung sehen. Es sind Medienprofis, die die Welt politisch rechtsaussen beschreiben, die ernsthaft eine alte Weltordnung aus dem Mittelalter beschwören, die nur darauf zu warten scheinen, den Kreuzzug gegen den Islam auszurufen; die ihren persönlichen Kampf als Ritter sehen, wie damals, als die Könige Englands den heiligen Krieg ausriefen und ihre Knechte nach Jerusalem schickten, um die Ungläubigen massenhaft zu massakrieren. Man muss es sich konkret vorstellen: Diese Leute sitzen jetzt an allen Schalthebeln der Macht. Sie haben nukleare Waffen und unvorstellbar viel Geld zur Verfügung, um jederzeit alle Knöpfe zu drücken und jeden Kopf rollen zu lassen, den sie als störend empfinden.

Bisher habe ich eigentlich an das Gute im Menschen geglaubt. Ich war vielleicht naiv, aber ich war davon überzeugt, dass die Menschen grundsätzlich und tief im Inneren gut sind. Menschlich eben. Diese Zeiten sind heute für mich vorbei. Und dann wird mir schlecht. In welcher Welt leben wir? Was hat das alles mit mir zu tun? Im Englischen gibt es ein Wort für dieses Gefühl: estranged. Die Art, wie ich mich bisher als Mitglied der Gesellschaft gefühlt habe, ist nicht mehr. Ich fühle mich estranged von meinem eigenen Dasein. Heute ist es einen Monat her, dass der Donald als president-elect die Welt verunsichert.

 

Beruf und Familie

Gestern fuhr ich zu einem Vortrag von Madeleine, die instructional designer ist, also so etwa das, was ich in Zurich auch war. Ich musste in den Highland Country Club in Oakland, einem Zentrum in den Oakland Hills, etwa 20 Minuten von meinem Wohnort mit dem Auto. Ich bestellte einen Uber, so wie ich das oft mache hier, weil es nicht viel kostet, vor allem verglichen mit den ÖV nicht. Ich wählte also meine Uber-App und drückte auf Request. Wie immer in der App sieht man dann, wer kommt, welche Bewertungen und Kommentare er oder sie bekommen hat und welches Auto er oder sie fährt.

Gestern also holte mich Al vor unserem Haus ab, um mich zum Treffpunkt der STC Berkeley zu bringen, der Organisation, die monatlich ein Treffen organisiert. Gestern war eben Madeleine dran, eine erfahrene Erwachsenenbildnerin und Ausbilderin, Linguistin und Autorin. Al ist kommt aus dem irak. Er begann gleich mit mir zu sprechen. Er war neugierig, ob der Highland Country Club ein Gym sei. Ich sagte nein, es sein nur der Treffpunkt und ich ginge zu einem Vortrag. Er fragte dann weiter, und so kamen wir ins Gespräch. Wir sprachen über die Bay Area, und schliesslich, warum wir nach Berkeley kamen. Ich erklärte ihm, dass die Wahl wegen der öffentlichen Schulen auf Berkeley gefallen war. So sprachen wir über Ausbildung und Jobs. Ich fragte ihn, ob er er Kinder hätte. Er sagte, er habe einen siebenjährigen Sohn, eine neunjährige Tochter und noch eine einmonatige Tochter.

Wir kamen auf das Thema Geld. Ich fragte, ob er noch einen anderen Job habe. Er sagte, er studiere. Er habe nur einen Bachelor, der aber von der Uni Berkeley nicht anerkannt sei, und er habe nun die Wahl gehabt, sein Studium zu wiederholen oder etwas Neues zu studieren. Jetzt studiert er Engineer. Er hat sich für ein neues Thema entschieden. Seine Frau sei Chemikerin, sagte er, mit PhD, und habe bei einer grossen Firma gearbeitet. Jetzt aber sei sie zu Hause bei den Kindern und habe ihren gut bezahlten Job aufgegeben. Er sei jetzt beruhigt, dass die Kinder in guten Händen seien. Es sei halt finanziell etwas knapp. Aber man müsse halt da durch. Ich sagte nur halblaut: What a waste. I mean, it’s great that you can study. But now your wife wastes her career. 

Ich meine, es müsste nicht so sein. Ich habe ihn aber nicht gefragt, warum nicht er bei den Kindern bleibe und seine Frau arbeite. Ich dachte, ich würde die Antwort bereits kennen. Inzwischen müsste ich es aber eigentlich besser wissen und fragen. Denn nicht immer ist die Antwort die, die man erwartet.