Mut

Heute morgen bekam ich eine SMS von Freundin B. Wir haben uns am letzten Donnerstag getroffen, wohl zum letzten mal vor unserem Flug am 12. August. Sie schrieb in ihrer Textnachricht, dass sie unseren Mut bewundere. Ich hatte in den letzten Wochen und Monaten oft gehört, dass man unsere Entscheidung, für eine gewisse Zeit nach Berkeley zu ziehen, mutig finde, und uns dafür bewundere. Nun, ich glaube, dass sie nicht unseren Mut bewundern, sondern staunen, ob dieser Ernscheidung, es doch noch mal zu versuchen. Die meisten sind wahrscheinlich froh, dass sie sich nie für so etwas zu entscheiden brauchen. Und ja: ich kann das verstehen. Es war alles andere als einfach.
Nun aber zurück zum Mut: Ich bin nicht mutig. Ich bin überhaupt kein besonders mutiger Mensch, im Gegenteil. Ich steige nicht einmal auf den Üetlibergturm, wenn es nicht sein muss. Ich muss keine waghalsigen Gratwanderungen machen, ich argumentiere immer, dass sie gefährlich seien und wir es doch bitte nicht riskieren sollten. Ich rufe meinen Kindern stets nach, dass sie vorsichtig sein sollen, wenn sie alleine unterwegs sind. Ich bin eher ängstlich und sehe hier und dort an jeder Ecke mögliche Gefahren. Ich muss mich manchmal richtig dazu zwingen, nicht den Teufel an die Wand zu malen. Wo bleibt also der Mut, den man mir attestiert? Ehrlich gesagt muss ich mir meinen Mut jeden Tag aufs Neue zusammenkratzen.
Okay, die meisten werden sich nicht unbedingt von ihrem Alltag loslösen, um an einem anderen Ort das Gleiche zu versuchen, um Unterschiede zu sehen oder etwas vollkommen Neues zu lernen. Erst recht nicht in meinem Alter. Das ist wohl der eigentlichen Schritt, den viele nicht machen würden, und ich kann das sehr gut nachvollziehen. Wie oft erwach(t)e ich am Morgen früh und dachte: Warum tun wir das eigentlich? Es könnte so einfach sein, wir könnten einfach hier weiter machen. Alles stimmt für uns hier. Die Kinder sind auch gut unterwegs, wir wohnen an einem Ort, an dem uns die Menschen und die Natur ans Herz gewachsen sind. Warum also dieser Kraftakt? Ich musste mir stets selbst gut zureden, um den Mut aufzubringen, ja, den es wohl doch braucht.
Nun haben wir also diese Gelegenheit, ein anderes Land, eine andere Kultur, eine andere Natur kennen zu lernen und unser Leben so zu bereichern. Soll man sich dies entgehen lassen? Wir werden sehen, was sich dabei entwickelt, was sich nicht entwickelt. Zugegeben: Der Ausgang ist offen. Unser Alltag wird nach dem Experiment wahrscheinlich nicht mehr das Gleiche sein, wie jetzt. In erster Linie im Positiven. Wir werden um eine grosse Erfahrung reicher sein. Und wer kennt schon seine Zukunft? Wer weiss schon, was morgen sein wird? Von einem Tag auf den anderen kann viel passieren. Sehen wir zu, dass wir unsere Zukunft aktiv gestalten.